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Das Land der langen Lebenslüge: Die Neuseeländischen Terror-RazzienValerie Morse Am 15. Oktober 2007 führte die neuseeländische Polizei eine beispiellose Reihe landesweiter Razzien in 60 verschiedenen Häusern durch und verhaftete 17 indigene und anarchistische AktivistInnen. Die Verhaftungen basierten auf Überwachungs- und Abhörmassnahmen, die unter dem Terrorism Suppression Act (Anti Terrorismus-Gesetz) erlassen wurden. Dies war das erste mal, dass dieses Gesetz angewendet wurde, welches unmittelbar nach den Ereignissen vom 11. September 2001 erlassen wurde und sich direkt darauf bezieht. Die Razzien fanden ab 5 Uhr früh am Montag Morgen statt. Um 5.45 Uhr klopfte die Polizei an meine Tür. Dann brachen sie die Tür fast ein. Als ich öffnete, kamen 15 PolizisteInnen hereingestürmt und wedelten mit einem 80-seitigen Durchsuchungsbeschluss. Als ich sagte, dass der Beschluss nicht unterschrieben sei, antwortete der Komissar 'hier, hier ist die unterschriebene Kopie'. Dann machten sie sich über mein Zimmer her, rupften die Pflanzen aus ihren Töpfen, entfernten die Rückwand meines Kühlschranks und nahmen eine lange Liste von Dokumenten, Fotos, elektronischem Gerät und Klamotten mit. Zum Schluss nahmen sie mich fest wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung. The Razzien kamen völlig überraschend für mich, für Neuseeland und für den Rest der Welt, soweit diese solche Ereignisse verfolgt. Neuseeland, auch Aotearoa genannt – das 'Land der langen weissen Wolke' in der Sprache der Maori – hat den Ruf von guten sozialen Verhältnissen, eine fortschrittliche Regierung und einen beneidenswerten Prozess zur Klärung von Ansprüchen, die sich aus Verletzungen des Vertrags von Waitangi ergeben. Der Vertrag wurde 1840 zwischen etwa 500 Stammesoberhäuptern der Maori und der britischen Krone geschlossen. Was in Wirklichkeit in Aotearoa hinter den Kulissen der cleveren 'clean, green, 100% pure' Vermarktungs-Kampagne der Regierung passiert ist etwas anderes, als diese uns weismachen will. Am Tag der Verhaftungen fand ein Schlachtfest der Medien statt, als die Polizei bruchstückhaft Teile des Beweismaterials durchsickern liess, die von Napalm-Bomben, Anschlagsplänen auf Premierministerin Helen Clark und Präsident George Bush und 'IRA-ähnlichen Kriegsplänen' handelten. Die 17 Verhafteten wurden in vier verschiedenen Orten dem Haftrichter vorgeführt. Einer wurde sofort entlassen, die anderen wurden in Untersuchungshaft genommen, da die Staatsanwaltschaft Einspruch gegen die Haftverschonung eingelegt hatte. Wir wurden zu einer Bedrohung der 'nationalen Sicherheit' erklärt. In dem Dunstkreis von Terrorismus-Hysterie und geheimen Beweisen hatten Anträge auf Haftverschonung keine Chance. Die neuseeländische Regierung hat alle von Bush im Anschluss an 9/11 gestellten Anforderung zum Thema Terrorismus erfüllt. Gleichzeitig wurden alle brutalen Taktiken der US-Regierung importiert – Repression, Überwachungstechnologie und Polizei, die hyper-paranoid auf politische Aktivitäten reagiert, besonders, wenn diese von indigenen AktivistInnen ausgeht, die es wagen, von Bestrebungen nach Souveränität zu sprechen. Unter den 17 Verhafteten vom 15. Oktober waren 12 Maori, davon viele vom Stamm der Tuhoe. Tuhoe haben eine lange Geschichte des Widerstands gegen Kolonialisierung. Sie haben nie den Vertrag von Waitangi unterschrieben. Es gibt eine Geschichte, die besagt, dass einem Regierungsvertreter davon abgeraten wurde, zu den Tuhoe zu gehen, um den Vertrag unterschreiben zu lassen, weil er sonst womöglich aufgegessen würde. Heutzutage haben Tuhoe den höchsten Anteil and Menschen, die von Klein auf Maori sprechen und haben eine starke kulturelle Identität, die verbunden ist mit dem Gebiet, das sie 'Te Urewera' nennen – das Land des Nebels. Es gibt ungefähr 20 000 Menschen, die sich zu den Tuho zählen und viele davon leben immer noch in relativ isolierten Gemeinden im Urewera-Gebiet. Die Razzien und Verhaftungen waren das Resultat einer zweijährigen, 8 Millionen Dollar teuren Operation, die 'Operation Eight' genannt wird. An den Razzien waren etwa 300 PolizistInnen beteiligt. Die meisten wussten nicht viel von den Ermittlungen oder den Verdächtigen und es scheint, dass keiner die Geschichte der Politik der verbrannten Erde, von Mord und Landraub kannte, die den heftigen Widerstand der Tuhoe vor über hundert Jahren hervorgerufen haben. Die Staatsgewalt hat eine Art, bequemer weise Dinge zu vergessen, die nicht in ihre Darstellung der Welt passen. Dies war auch am 15. Oktober der Fall. In einer spektakulären Vorführung sind schwerbewaffnete und vermummte PolizistInnen – das sogenannte 'armed offenders squad' – in die kleine Ortschaft Ruatoki eingefallen und haben den gesamten Ort abgeriegelt. In ihrer Suche nach Terroristen und Beweismaterial haben sie alle Fahrzeuge angehalten und die Insassen fotografiert. Bei den Hausdurchsuchungen wurden viele Menschen traumatisiert, z. B. wurden eine Frau und fünf Kinder sechs Stunden lang in einem Schuppen eingesperrt, während der Vater vernommen wurde, die Unterwäsche einer Frau wurde als Beweismaterial beschlagnahmt und ein Schulbus wurde gestürmt. Bei einer Durchsuchung in Süd-Auckland wurde eine ganze Familie, einschliesslich eines 12-jährigen Mädchens, gezwungen, sich hinzuknien mit den Händen hinter dem Kopf und so fünf Stunden lang zu verharren. So sieht das Muster für Hausdurchsuchungen in Maori-Gemeinden aus. Die Situation für die nicht-indigenen Verhafteten (die im weiteren als Pakeha, also weisse Neuseeländer, bezeichnet werden) war wesentlich anders. Mir wurden nicht einmal Handschellen angelegt, als ich zum Polizeiwagen geführt wurde. Keine weissen Stadtteile wurden abgeriegelt und keine weissen Nachbarn wurden angehalten und fotografiert, als sie den Morgen zur Arbeit gingen. So etwas geschieht nur mit Maori. Der institutionelle Rassismus der Polizei und des Justizapparats hat die Maori nicht weiter überrascht, und besonders nicht die Tuhoe, die unter seinen Willkürakten seit 160 Jahren leiden. Für die Pakeha hingegen war es ein Weckruf. Leider haben die meisten es weniger als Rassimus begriffen, sondern als Ausweitung der staatlichen Macht gegenüber politischen Dissidenten. Ich sage leider, weil klar aus den 10.000 Seiten Beweismaterial, die ich bisher gesehen habe, hervorgeht, dass es die Unabhängigkeit der Maori ist, die der Staat fürchtet. Es ist die politische Kraft der vereinigten Indigenität, vor der sich die herrschende Klasse ängstigt. Für Maori in Aotearoa Neuseeland sind der 'Krieg gegen den Terror' und diese Razzien ein Teil einer langen Geschichte der Kolonialisierung, die nicht vergessen ist. In den 1860ern wurde der 'Suppression of Rebellion Act' verabschiedet, dessen Formulierungen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Terrorism Suppression Act von 2002 aufweisen. Dieses ältere Gesetz wurde vom jungen neuseeländischem Staat benutzt, um eine Serie von bösartigen Angriffen auf Maori-Gemeinden auszuführen, um Land für Siedlungen zu beschlagnahmen. Gruppen von Menschen und ganze Stämme wurden zu Aufständischen erklärt, so dass der Staat eine ganze Reihe von ausbeuterischen und repressiven Massnahmen gegen sie einleiten konnte. Ich bin der Überzeugung, dass ich verhaftet wurde, um die rassistische Natur der Polizeioperation zu verschleiern. Durch die Verhaftung einiger Pakeha-AktivistInnen konnte die Regierung den Vorwurf entschärfen, dass es sich um eine gezielte Aktion gegen Maori handelte. Ich wurde auch deshalb verhaftet, weil ich mit den Maori-Angeklagten bekannt bin und weil ich, als Anarchistin, der Regierung genügend Probleme und Peinlichkeiten beschert habe, dass sie mich gerne kaltstellen möchten. Im Juni letzten Jahres habe ich ein Buch über die Beteiligung der neuseeländischen Regierung am 'Krieg gegen den Terror' veröffentlicht. Darin behaupte ich, dass sowohl politische Dissidenten, als auch Maori das Ziel diese Krieges seien, zusammen mit Flüchtlingen und MigrantInnen. Es hat mir ein Gefühl von bizarrer Ironie und grausiger Genugtuung bereitet, in meiner Zelle zu sitzen und mir dazu zu gratulieren, dass ich Recht hatte. Es ist klar, dass in einem Land mit 4 Millionen EinwohnerInnen jeder jeden kennt. Es gibt mit Sicherheit Verbindungen zwischen AnarchistInnen, Umwelt-, Anti-Kriegs- und indigenen AktivistInnen: die meisten kennen sich und arbeiten regelmässig zusammen. Mensch müsste in einem Zustand völliger Illusionen leben, um nicht zu erkennen, wie diese Themen miteinander verbunden sind, besonders in Neuseeland, wo die Auswirkungen der neoliberalen Strukturanpassungen der 80er Jahre jeden Tag zu spüren sind. Das neuseeländische Parlament ist nach dem Vorbild der Westminster-Demokratie gestaltet, allerdings gilt seit 1996 das Verhältniswahlrecht. Zur Zeit regiert die Labour Partei mit einer delikaten Balance aus Koalitions- und Tolerierungsabkommen – teils formal, teils informal – mit anderen, kleineren Parteien. Genau wie die Britische Labour Partei, hat auch die neuseeländische längst jegliche Ähnlichkeit mit einer Partei der Arbeiterklasse abgelegt und hat die neoliberale Wirtschaftsordnung mit offenen Armen übernommen. Dies hat besonders Maori betroffen, die im Allgemeinen die allgegenwärtige Kommodifizierung, insbesondere der Flora und Fauna, des Landes und des geistigen Eigentums, ablehnen. Trotzdem haben viele Maori bis vor kurzem die Labour Partei unterstützt und alle Maori-Sitze im Parlament wurden von Labour besetzt. Im Jahre 2004 hat die Regierung das 'Seabed and Foreshore' Gesetz verabschiedet, wodurch den Maori die Nutzungsrechte am Land zwischen Niedrig- und Hochwassermarke sowie am Meeresboden genommen wurden. Obwohl das Gesetz internationalen Regelungen widerspricht und trotz einer Verurteilung durch die UN wurde das Gesetz nahezu einstimmig im Parlament verabschiedet. Seit dem findet sich in den Büchern des Finanzministeriums ein Eintrag für diese neuen Vermögenswerte. Diese groteske Konfiszierung wurde von vielen Maori als Kriegserklärung verstanden. Es entstand ein Bruch in der Labour Partei, als dessen Resultat die Maori Partei entstand, die jetzt eine ernsthafte Bedrohung für den Erhalt der Maori-Sitze für Labour und insgesamt für den Machterhalt der Labour Partei darstellt. Politisch gesehen, ist dies einer der Hauptgründe für die Razzien. Im Wahljahr 2008 ist es für die Labour Partei wichtig, radikale Maori als gefährliche Bedrohung für die Stabilität des Landes darzustellen. Dies war ein Risikospiel von Premierministerin Helen Clark, um eine vierte Amtszeit durch eine Politik des Teilen und Herrschen zu erreichen. In den Medien hat Clark wiederholt behauptet, dass es sich bei den Razzien um eine reine Polizeimassnahme handelte, während es in politischen Kreisen in Wellington allgemein bekannt ist, dass nichts von Bedeutung ohne ihre ausdrückliche Zustimmung geschieht. Der andere politische Faktor, der zu den Razzien geführt hat, ist die Beziehung der Regierung zu den USA und anderen engen Verbündeten auf dem Verteidigungsgebiet. Als Mitglied des exklusiven Fünfer-Klubs UKUSA, einem nachrichtendienstlichen Netzwerk, das zusammen mit den USA, UK, Canada und Australien betrieben wird, ist Neuseelands Sicherheit eng mit den USA verbunden. Diese Beziehung, sowie die daraus resultierenden organisatorischen Verbindungen, haben eine wichtige Rolle bei der Reaktion Neuseelands auf die Terrorismus-Hysterie der USA gespielt. Ausserdem hatte Neuseeland eigene interne Gründe dafür, die Terrorismus-Gesetze anzunehmen. Der Gesetzentwurf für das Terrorismus-Gesetz lag bereits vor dem 11. September 2001 bei einem Ausschuss und sollte lediglich die bestehenden Regelungen der UN-Konventionen zum Terrorismus umsetzen. Nach 9/11 wurde das Gesetz grundlegend geändert und geheim gehalten, während Regierung und Opposition darum bemüht waren, ihre Unterstützung der USA kundzutun. Glücklicherweise wurden die Änderungen im Gesetz dennoch bekannt, was zu erheblicher öffentlicher Ablehnung führte, wodurch die schlimmsten Aspekte des Gesetzes abgemildert wurden. Unglücklicherweise folgten etliche weitere Gesetze. Diese Gesetze spiegeln die Gesetzgebung der USA wieder und beinhalten den Border Security Act, den Maritime Security Act, den Telecommunications (Interception Capability) Act, den Identity (Citizenship and Passports) Act, den Security Intelligence Act sowie Erweiterungen des Immigration Act und des Strafgesetzbuches. Zusätzlich zu den gesetzlichen Änderungen wurden die Haushalte und der Personalbestand der staatlichen Sicherheits- und Überwachungsdienste massiv erhöht – alles im Namen der Terrorismusbekämpfung. Mit diesen neuen Mitteln und all den neuen Spielzeugen mussten die Polizei und der Geheimdienst einfach mal einen Terroristen finden. Der erste Versuch war, dieses Label an den algerischen Exilpolitiker Ahmed Zaoui zu hängen, der 2001 mit falschen Papieren nach Neuseeland kam. Als das Vorhaben 2006 scheiterte, weil der Bericht über das Risiko, dass er angeblich darstellte, widerrufen wurde, mussten andere gefunden werden, um die Rolle der 'Terroristen' zu füllen. In der Welt der Geheimdienste wird ausserparlamentarische politische Aktivität als gefährlich angesehen, politische Aktivitäten der Maori als besonders gefährlich. So waren die Bühne bereitet und die Rollen verteilt, als 300 PolizistInnen die erste 'Anti-Terror' Razzia durchführten. Der Terrorism Suppression Act diente dazu, die Genehmigung für extensive Abhörmassnahmen für Telefone und Autos zu erlangen, aber den Verhafteten wurden zunächst nur gemeinsamer Waffenbesitz nach dem Waffengesetz vorgeworfen. Um wegen terroristischer Aktivitäten angeklagt zu werden, bedurfte es noch der Genehmigung der Generalstaatsanwaltes. In der ersten Woche nach meiner Verhaftung sass ich in Einzelhaft ohne Zugang zu irgendwelchen Nachrichten oder Informationen. Ich stand unter Shock. Ich bin schon einige male vorher wegen politischer Aktivitäten festgenommen worden, aber ich war noch nie im Gefängnis. Ich hatte Angst. Allerdings hatte ich noch Glück, weil eine meiner besten Freundinnen ebenfalls verhaftet worden war und mit mir einsass. Wir hatten benachbarte Zellen und konnten uns über eine 8 Meter hohe Betonmauer im Hof durch lautes Schreien verständigen. Am dritten Tag bekam ich ein Buch: Jailbird von Kurt Vonnegut. Ich musste weinen vor lachen. Als wir am Ende der ersten Woche endlich in den allgemeinen Trakt verlegt wurden, kam dieser mir wie ein herrlicher Ort vor – was nur beweist, wie schnell der eigene Widerstand und die Wahrnehmung der Realität in der Einzelhaft verloren gehen. Es war so schön, Stimmen und Musik zu hören, nach draussen gehen zu können und den Himmel und die Berge sehen zu können. Nach einer Woche haben es unsere Anwälte dann geschafft, einen Antrag auf Haftverschonung zu stellen. Wir wurden im Wellingtoner Bezirksgericht erwartet von einer Masse UnterstützerInnen und den Medien. Wenige Minuten nach Beginn der Verhandlung wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Es war der bedrohliche Anfang eines der schwersten Tage meines Lebens. In den folgenden Stunden malte der Staatsanwalt das Bild einer Gruppe von Leuten, die gemeinsam für terroristische Anschläge geübt hätten. Uns wurde vorgeworfen, im Urewera-Gebiet an Trainingslagern teilgenommen zu haben, bei denen wir Waffen, Molotow-Cocktails und Napalm verwendet hätten. Die Tatsache, dass meine drei unmittelbaren Mitangeklagten keine Vorstrafen haben und ich selbst nur sehr geringfügige, wurde gegen uns verwendet, um unsere üble Absicht zu beweisen, aus dem Gefängnis zu kommen und unsere Pläne in die Tat umzusetzen. In dem Moment, wo das Stichwort Terrorismus fällt, würde kein Gericht der Welt uns aus der Untersuchungshaft entlassen. Als wir an diesem Freitag zurück ins Gefängnis kamen, war ich sehr, sehr finster. Am Montag, den 29. Oktober präsentierte die Polizei ihr Beweismaterial dem Generalstaatsanwalt, sodass der Vorwurf der 'Teilnahme in einer terroristischen Gruppe' gegen uns erhoben werden konnte. Diesen Abend verbrachte ich alleine in meiner neuen Zelle, ohne jemandem zu haben, mit dem ich darüber reden konnte, was wohl als nächstes passiert. Ich war in einer geheimen Mission, die Bin Laden alle Ehre gemacht hätte, 700 km nördlich ins Frauengefängnis von Auckland verschleppt worden. Am folgenden Mittwoch konnte Premierministerin Helen Clark ihren Mund nicht mehr halten und stieg in die Debatte ein. Sie setzte sich arrogant über die Regeln des Sub Iudice – die ein faires Verfahren erlauben sollen – hinweg, indem sie behauptete, die Angeklagten hätten „im mindesten mit Waffen und Napalm trainiert“. Der Medienzirkus ging weiter. Überall im Land wurden Demonstrationen, Kundgebungen, Benefizkonzerte und Informationsveranstaltungen organisiert und was von der Linken in Neuseeland übrig ist, unterstützte die Verhafteten. Die Politische Debatte verlief zwischen indigener Souveränität, Bürgerrechten und Überwachung. Die bürgerlichen Medien fuhren mit ihrer Tradition der sensationslüsternen Berichterstattung, schlecht informierten Kommentaren und schlichten Lügen fort. Die Medienkonzentration in Aotearoa Neuseeland ist eine der höchsten der Welt. Fast alle Tageszeitungen gehören zwei multinationalen Konzernen. Alle sangen sozusagen vom gleichen Notenblatt. Aber auch anderen Ländern solidarisierten sich AktivistInnen mit uns, z.B. in Melbourne, Berlin, Den Haag und Athen. Am Tag vor dem nächsten Haftprüfungstermin, nach nahezu einem Monat, hatte ich ein langes Gespräch mit meinem Anwalt. Wir besprachen seine Strategie für die Verhandlung und die möglichen Argumente der Staatsanwaltschaft. Am Ende der Unterhaltung sagte er: „Oh, da war noch was, was ich dir sagen wollte. Der Generalstaatsanwalt wird bald seine Entscheidung bekanntgeben. Valerie, sie werden die Terrorismus-Anklagen erheben.“ Ich legte auf und suchte Emily, meine Mitangeklagte und Freundin. Ich sagte ihr, dass wir uns darauf vorbereiten müssen, weil es passieren wird. Ich war manisch, verzweifelt und tief beunruhigt. Wir sassen eine Weile zusammen bevor ich in meine Zelle ging und das Radio anmachte. Die Vier-Uhr-Nachrichten brachten sofort einen Livebericht von der Pressekonferenz des Staatsanwalts. Ich sass auf meinem Bett, steif vor Angst. Er sagte: „Ich kann die Anklagen unter dem Terrorism Suppression Act nicht zulassen“. Ich rannte aus meiner Zelle und im ganzen Gefängnis umher, und schrie „sie machen's nicht, sie machen's nicht!“. Ich rief hinauf zu Emily, die in ihrer Zelle war. Ich konnte kaum die Worte rausbringen. Ihre Antwort war: „für uns alle?“ und ich dachte, oh nein, dass weiss ich gar nicht. In meiner Aufregung hatte ich den Bericht nicht zu Ende gehört. Ich rannte mit ihr zurück in meine Zelle. Wir machten das Radio wieder an und hörten ihn sagen, dass die Beweise nicht hinreichend wären, dass keine/r von uns angeklagt werden würde und dass das Gesetz 'komplex, unzusammenhängend und nicht umsetzbar' wäre. Ich war ekstatisch. Einen Moment später erhielt ich einen Anruf von meinem Anwalt, der mir mitteilte, dass die Staatsanwaltschaft keinen Einspruch mehr gegen unsere Entlassung erheben würde. Morgen würden wir draussen sein. Es war surreal. Ich habe noch nie in meinem Leben solch freudige Erleichterung gespürt wie an diesem Abend. Ich konnte nicht schlafen. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich sass nur da und staunte über die Ereignisse des letzten Monats. Am Freitag, dem 9. November wurden wir vom Gericht in Auckland auf freien Fuss gesetzt. Wir sind trotzdem nicht frei. Gegen sechzehn von uns bestehen immer noch Anklagen nach dem Waffengesetz. Wir haben immer noch beschwerliche Auflagen zu erfüllen, u.a. Ausgangssperren, Meldepflicht bei der Polizei und Kontaktverbot untereinander. Dies sind die staatlichen Methoden der Kontrolle und Bestrafung. Wie ich schon angedeutet habe, weist alles darauf hin, dass die Razzien politisch motiviert waren aus der lange bestehenden Angst vor der Durchsetzung indigener Macht. In diesem Wahljahr gefällt es der Labour-Regierung, 'böse Maori' zu finden, um die alte koloniale 'Teile und Herrsche' Strategie anwenden zu können. Sei werden, wen immer sie können, durch Propaganda und Überredung assimilieren; diejenigen, die sich widersetzen, werden brutalisiert und kriminalisiert, wie schon seit mehr als einem Jahrhundert. Maori-Aktivisten werden vom Staat beobachtet, weil sie Maori sind. Es überrascht wenig, dass die Vereinten Nationen einer Beschwerde von indigenen AnwältInnen nachgehen und das Verhalten der neuseeländischen Regierung bei den Razzien untersuchen, obwohl es das erste mal ist, dass einer Beschwerde einer Gruppe gegen den Staat (statt andersherum) nachgegangen wird. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass dies zu einer substantiellen Verbesserung der Situation der Maori oder der Angeklagten führen wird, ist es doch ein weiterer Schlag gegen die idealisierte Utopie in der Südsee. In den kommenden Monaten wird der Fall der 'Urewera 16' vor dem Bezirksgericht in Auckland gehört werden. Meine grosse Hoffnung für das Verfahren und für die Zukunft dieses Landes ist, dass die Razzien weiterhin den falschen Frieden dieses Kolonialstaates stören werden und dass Menschen zu dem Kampf um Gerechtigkeit und Frieden radikalisiert werden. Weitere Informationen über die staatliche Invasion in das Land der Tuhoe und über die Verhaftungen finden sich hier: Back in the mists of fear: A Primer On The Allegations Of Terrorism Made During The Week 15-19 October, 2007. By Moana Jackson. 'Full Coverage: the Terrorists camps on the East Cape.' Scoop. Informationen zu Tino Rangatiratanga : Valerie Morse ist Anarchistin und Schriftstellerin aus Wellington. Sie hat die meisten ihrer 36 Jahre in Tucson Arizona and Washington DC verbracht, hat die USA aber während der Clinton-Regierung angeekelt verlassen. Gegen sie liegen derzeit drei Anklagen wegen Verstosses gegen das Waffengesetz (Besitz von Waffen, Molotov-Cocktails und Munition) vor, die sich aus den Razzien vom 15. Oktober 2007 ergeben. Das Ergebnis ihres sogenannten 'Terroristen'-Daseins ist, dass ihr Pass eingezogen wurde, was ihr Leben als Anarcho-Touristin weitgehend einschränkt. Sie ist Mitglied von Rebel Press, einem anarchistischen Verlagskollektiv. Ihr Buch 'Against Freedom: the war on terrorism in everyday New Zealand life' und ihr Knastmagazin 'Can't hear me scream' sind frei herunterzuladen bei: www.rebelpress.org.nz |